Rückblicke

Christian Thielemann

Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden

Im Gespräch mit Moderator Dr. Peter Ufer

11.Juni 2013, Hotel Schloß Eckberg

Viele Fragen hat Peter Ufer vorbereitet für diesen Abend. Nicht immer wird es leichtfür ihn, sie auch zu stellen. Sein Gesprächspartner ist in bester Redelaune und erzählt vieles auch ungefragt. Christian Thielemann reagiert auf kürzeste Impulse und öffnet den Zuhörern einen ungewöhnlichen Blick in die Welt der Musik. Der Moderator stellt ihn vor als einen begnadeten Wagner-Dirigenten, der ebenso Bruckner, Beethoven, Strauß, Mahler und Henze großartig zum Klingen bringt und fragt nach dem Auslöser für den musikalischen Berufsweg. „Ich hatte nie den Gedanken, etwas andereszu machen als Musik", erklärt Thielemann. „Vor allem die Fülle des Orgelklangs hatte es mir angetan." Doch dieses Instrument zuspielen, verbot sich damals – das vertrug sich nicht mit dem Klavieranschlag. Etwas ähnlich Universelles, ein Orchester „in Betrieb zunehmen", war der nächstliegende Wunsch – und dem stand nichts im Wege. Von den Eltern lernte er die Tugenden Ehrlichkeit und Disziplin, Respekt vor der Kunst. Eine gehörige Portion Fleiß gilt ihm wohl als selbstverständlich, sie wird nicht erwähnt. Ob es eine besondere, magische Kraft des Dirigenten gäbe, fragt der Moderator. Nein, Dirigieren sei keine magische, aber auch keine demokratische Angelegenheit. Einer muss schon sagen, wie es gehen soll .Und das möglichst ohne Reden. Denn „wenn der Dirigent spricht, redet auch das Orchester",so seine Erfahrung. Derlei Unruhe bringt selten etwas. Obwohl: Der Maestro räumt ein, immer wieder auch abzuwägen, ob jemand anderes eine bessere Idee hat. Zum Thema „Angekommen“ meint Thielemann, er habe sich gewundert, wieso er sich hier gleich so wohlgefühlt habe. Liegt das etwa an den Genen? Seiner Abstammung nach fühlte er sich als mitteldeutsche Mischung zwischen Pommern und Sachsen mit einem Faible für den Norden. Und so, wie viele Ostdeutsche vom Westen ausgeschlossen waren, fühlt er sich vom Osten ferngehalten. Besuche in diesem Teil Europas habe er deshalb gerne nachgeholt, die Kurische Nehrung genossen, Brandenburg entdeckt, Dresden kennengelernt. Das war das Stichwort für Peter Ufer: Gibt es ihn, den viel beschriebenen „Dresdner Klang“? Eine Bestätigung aus der Tiefe eines Musikerherzens: Unbedingt! Die Staatskapelle ist nach dem Mannheimer Orchester das am längsten durchgängig musizierende Ensemble! Keine politischen Wirren, nicht einmal Kriege haben ihm etwas anhaben können. Diese Tradition zahle sich aus, und die Abgeschiedenheit der DDR habe sicher noch dazubeigetragen. „Die Staatskapelle ist ein Orchester, aus dem man nichts machen muss, nur einfach weiterarbeiten. Sie ist dafür bekannt, Oper und Konzert auf höchstem Niveau zu spielen, ein Pfund, mit dem man wuchern muss." Die Frage nach seinem Bezug zu Richard Wagner bringt Christian Thielemann ins Schwärmen. Seine Musik habe ihn wie ein Schlag getroffen, erinnert er sich. „Sie ist auf Überwältigung aus – und das geschieht immer wieder!“ Der Respekt vor diesem Künstler zieht sogar Kreise bis zu dessen Nachkommen. Nach einer Aufführung in Bayreuth habe ihn Wolfgang Wagner beim Frischmachen in der Dusche angesprochen, und so nahm der Meister die Anmerkungendes Intendanten im Stehen entgegen, auch ohne Bekleidung. Die letzte Frage, wie hält man viereinhalb Stunden Wagnerdirigat eigentlich durch, beantwortet er so: Wenig Alkohol, einen Tag vorher gar keinen, viel Schlaf, ein gutes Frühstück, dann nichts mehr essen, rechtzeitig da sein, allen anderen toi, toi, toi sagen, sich nicht ablenken lassen. So einfach. Dieser Abend wird bei den Zuhörern nicht in Vergessenheit geraten. Ein ansteckend enthusiastischer, durch Offenheit und Wortgewandtheit beeindruckender Mann hat erzählt.

Fotograf: Ralf U. Heinrich

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Christian Thielemann

Der Dirigent begann seine berufliche Laufbahn 1978 als Korrepetitor an der Deutschen Oper Berlin. Nach Stationen in Gelsenkirchen, Karlsruhe und Hannover trat er 1985 das Amt des Ersten Kapellmeisters an der Düsseldorfer Rheinoper an, ehe Thielemann 1988 jüngster Generalmusikdirektor Deutschlandsin Nürnberg wurde. 1997 kehrte er in derselben Position für sieben Jahre an die Deutsche Oper Berlin zurück, von 2004 bis 2011 wirkte er als GMD der Münchner Philharmoniker. Seit seinem Bayreuth-Debüt im Jahr 2000 hat er die Festspiele alljährlich durch Maßstabsetzende Dirigate geprägt. 2011 wurde er bei den Salzburger Festspielen zum „Dirigenten desJahres“ gewählt. Seit der Spielzeit 2012/2013 leitet Christian Thielemann als Chefdirigent die Sächsische Staatskapelle Dresden.